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Ein Jahr COVID – kein Zustand!

von Andreas Sönnichsen

Die ersten COVID-19-Fälle liegen gut ein Jahr zurück. Kein Thema seit dem Zweiten Weltkrieg hat für so lange den Alltag, die Medien, die Politik und die Medizin beherrscht wie diese Pandemie. „Kein Zustand!“ sagt sich inzwischen so mancher. Fast ein komplettes Jahr Bildungsverlust für unsere Kinder, die Wirtschaft an die Wand gefahren, die soziale Schere weit aufgemacht, Defizite in der Gesundheitsversorgung außerhalb des Pandemiegeschehens. So kann es nicht weitergehen!

Ein Ende ist nicht in Sicht. Das Virus wird bleiben, es wird zirkulieren, mutieren, infizieren. Menschen werden an COVID-19 erkranken und versterben. Die zunehmende Ausbreitung von Mutanten macht einen dauerhaften Impfschutz unwahrscheinlich. Haben wir nicht vor einem Jahr schon darauf hingewiesen, dass Corona-Viren durch große Mutationsfreudigkeit gekennzeichnet sind?

Es bleibt also als Ausweg nur ein Strategiewechsel. Doch wie kann dieser aussehen?

Das Winterende wird die Infektionszahlen zurückdrängen. Ob es im Herbst 2021 zur dritten Welle kommt, wissen wir nicht. Die spanische Grippe war erst nach drei Wellen vorbei – ohne Impfung – und hat 50 Millionen Tote gefordert ]. An oder mit COVID verstarben bisher (Stand 14.2.21) 2,4 Millionen Menschen. Bezogen auf die Weltbevölkerung beträgt das Verhältnis von Toten durch COVID zu den Todesfällen durch die spanische Grippe derzeit etwa 1:93. Anders als bei COVID waren bei letzterer junge Erwachsene und Kinder betroffen. 

Dieser Vergleich soll SARS-CoV-2 weder verharmlosen, noch die Anzahl der Todesfälle durch COVID kleinreden. Aber wir müssen uns die Frage gefallen lassen, ob die immensen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, psychosozialen und gesundheitlichen Schäden, die wir bei der Bekämpfung von COVID in Kauf nehmen, verhältnismäßig und gerechtfertigt sind. Warum unternehmen wir nicht ähnlich große Anstrengungen, um Tote durch Medikationsfehler, im Krankenhaus erworbene Infektionen, Rauchen und Verkehrsunfälle zu verhindern? Die Antwort ist einfach: wir haben als Gesellschaft – entgegen allen ethischen Überlegungen – entschieden, dass uns der finanzielle Aufwand und die erforderlichen Einschränkungen unserer Freiheiten zu groß wären, um diese Leben zu retten. 

Für COVID werden nun plötzlich andere Maßstäbe gesetzt. Menschen dürfen weiter sterben, aber auf keinen Fall an oder mit COVID. Dies gilt es um jeden Preis zu verhindern, und sei das Opfer noch so groß. Diese Prämisse sollten wir überdenken, weil wir davon ausgehen müssen, dass COVID auf Dauer bleiben und einen festen Platz unter den mannigfaltigen Todesursachen einnehmen wird. 

Das Durchschnittsalter der COVID-Toten liegt deutlich über 80 Jahren (Altersmedian 82 Jahre). Fast die Hälfte hat ihren letzten Lebensabschnitt im Pflegeheim verbracht. Kinder und junge Erwachsene sind so gut wie gar nicht von der Erkrankung betroffen, tragen aber die Hauptlast der Eindämmungsmaßnahmen und deren Folgen. Dazu kommt, dass die Eindämmungsmaßnahmen nicht einmal erfolgreich sind. Über Monate wird behauptet, dass der einfache Mund-Nasen-Schutz effektiv ist, doch weder dieser noch die Massentests konnten die zweite Welle aufhalten. Der renommierte Epidemiologe John Ioannidis rechnet uns vor, dass der harte Lockdown nicht effektiver ist als eine vernünftige Kombination aus Abstand halten, Händehygiene und Daheimbleiben im Falle von Symptomen.

Vielleicht sollten wir einfach diese Regeln konsequent und verantwortungsbewusst befolgen, statt im Zickzack-Kurs zwischen Lockerungen und Verschärfungen des Lockdowns immer mehr Vertrauen in der Bevölkerung zu verspielen, Unmut zu stiften und weiter eklatante Kollateralschäden zu verursachen. Auch die Möglichkeiten zum Schutz der vulnerablen Gruppen sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Hier müssen wir ansetzen und ansonsten zu einem normalen Leben unter Respektierung der Grundrechte aller Bürger*innen zurückkehren.

Vorsorglich halte ich fest, dass meine hier dargelegten Äußerungen wissenschaftlich begründet sind, aber nicht notwendigerweise die Meinung meines Arbeitgebers (Medizinische Universität Wien) oder anderer Organisationen, deren Mitglied ich bin, wiedergeben. Zudem distanziere ich mich ausdrücklich von jedem Missbrauch meiner wissenschaftlichen Überlegungen durch extremistische oder paramedizinische Gruppierungen, Verschwörungstheoretiker und sonstige Personen, die sich berufen fühlen, meine Aussagen für Ihre Zwecke zu interpretieren.

Andreas Sönnichsen,

geboren 1957 in Hamburg, Facharzt für Innere Medizin, Universitätsprofessor.

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