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Zu digitaler Lehre, der Bedeutung von Präsenz und den möglichen Folgen der Pandemie

von Wolfram Aichinger

Die Krise fördert und fordert Diskussion über drei Aspekte: 1. Aufgabe und Stellung der Romanistik und Philologie; 2. Wert einer Lehre, bei der sich Menschen in einem geteilten Raum begegnen und nicht nur über die Stimme kommunizieren; 3. Treffsicherheit und Angemessenheit der Corona-Maßnahmen und ihre Auswirkungen auf Forschung und Lehre.

Seit Jahren gibt es an der Philologie Tendenzen, die es mit zu bedenken gilt: Die Fachwissenschaft wurde 2011 auf ein Minimum reduziert, Single-Choice wird als sinnvolle Prüfungsform für eine Textwissenschaft praktiziert, in der Studieneingangs- und Orientierungsphase wird (häufig) standardisiertes, unterkomplexes Handbuchwissen gelehrt, die Lehre ist fast vollständig von der Forschung entkoppelt, die Performanz Lehrender wird über statistische Kurven evaluiert, die Zahl von Abschlüssen und abgelegten Prüfungen ist Maßstab für Qualität.

Eine solche Lehre braucht freilich keinen geteilten Raum, auch keine Lehrenden mit persönlichen Akzenten in Forschung und Unterricht. Sie ließe sich genauso mit YouTube-Videos und vorgefertigten Tutorials bestreiten (und es ist eigentlich verwunderlich, dass das noch kein Sparstift einer Finanzabteilung bemerkt hat). 

Die Corona-Maßnahmen könnten diese Tendenzen in Richtung einer steril quantifizierenden und standardisierte Wissensmengen abfüllenden Lehre in einer Art beschleunigen und befördern, die wir wohl alle nicht wollen. 

Wenn wir uns allzu behaglich hinter unseren Bildschirmen im Home Office einrichten, könnte es passieren, dass es Romanistik im traditionellen Sinn bald gar nicht mehr gibt. (Die Bildschirme digital belehrter Studentinnen und Studenten ließen sich ja genauso gut von Harvard, Shanghai oder Silicon Valley aus bespielen.)

„Bildung ist Gespräch“, war eine Forderung der Aufbruchsbewegung der 1960er Jahre. Das gilt immer noch. Philologie, Hörsäle und Lehre im traditionellen Sinn lassen sich nur rechtfertigen, wenn wir auf der Bedeutung von Gespräch, Dialog, Diskussion bestehen und darauf, dass Studieren vor allem heißt, sich mit Menschen gleichen Alters auch vor, nach und während der Kurse, in Kaffeepausen und Mensen und Weltcafés auszutauschen. (All das braucht immer noch alle Sinne und den Körper mit all seinen kommunikativen Möglichkeiten und alle Formen menschlicher Interaktion, die nun einmal über das Gesicht (meist im Home Office nicht einmal das) und die elektronisch übertragene Stimme hinausgehen). 

Es sollte gerade auch bedeuten, dass Studierende unter Lehrenden mit ganz persönlichen Zugängen, Fragen, Methoden und Modellen wählen können und an Instituten einen polyphonen Diskurs erleben, der zu kritischer Auseinandersetzung ermutigt und zum Finden einer eigenen Sprache und eigener Forschungswege. Ja gewiss, Dialog ist auch in digitaler Lehre möglich, aber doch sehr eingeschränkt – vor allem unter den Studierenden – und als Langzeitalternative wohl untauglich.

Kurz, Präsenzlehre hat heute (und wohl seit der Erfindung der Schrift) nur dann einen eigenen Wert, wenn in den Hörsälen im Dialog und in der gemeinsamen Gedankenarbeit etwas Neues (neue Fragen, Methoden, Ansätze, Vernetzungen) entsteht, etwas, dass über Handbücher, YouTube und Internet-Datenbanken hinausgeht. (Oder mit Jerome Bruner: Knowledge is to go beyond the information given). 

Wenn das so ist, dann ist das monatelange Aussetzen von Präsenz keine Kleinigkeit, und es wäre etwa zu fragen:

Welche wesentlichen Aspekte von Studium und Lehre gehen bei digitaler Lehre gerade in unserem Fach verloren, auch wenn sie bestmöglich technisch unterstützt ist? (Ich arbeite in der AR Literaturwissenschaft etwa auch mit Musik, Kostümen und Formen theatralischer Gestaltung von Text.)

Rechtfertigt es die Sorge um Gesundheit und Sicherheit, dass diese nicht ersetzbaren Teile von Präsenzlehre so lange untersagt und ausgesetzt werden, ohne wirkliche Diskussion?

Im Anschluss: Gibt es Daten zur Frage: Wie hoch ist das Risiko der Verbreitung von Corona unter den gegebenen Sicherheitsmaßnahmen tatsächlich? Hält das Argument des Rektors, wir würden durch Home Office einen wesentlichen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten, einer Überprüfung stand? Dürfen zumindest Zweifel vorgebracht werden?

Ist die Verhältnismäßigkeit zwischen Sicherheit und unserer Verpflichtung, ein bestmögliches Studium und Studieren zu ermöglichen, noch gewahrt? 

Gibt es dazu eine Debatte, die mehr als die offizielle Sicht der Regierung und des Rektorats zulässt?

Welche Chancen gibt es für eine rasche Rückkehr zu Präsenzlehre? Oder zumindest zu freier Entscheidung darüber durch die Lehrenden?

Wolfram Aichinger,

geboren 1963 in Linz. Romanist, Privatdozent an der Universität Wien.

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