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Ein Brief, den ich mich nicht traue abzusenden

von Stefanie Schmerbauch

Magnifizenz, Spektabilitäten, hochverehrte Kolleginnen und Kollegen!
Ich wundere mich. Ich wundere mich noch immer und mehr denn je. Es sind vier Monate vergangen und ein paar Tage, seit Prof. John P. A. Ioannidis am 26. Juni dieses Jahres an unserer Universität zu Gast war und einen Vortrag über „COVID-19 epidemiology: risks, measures, and ending the pandemic“ im Audimax der Naturwissenschaftlichen Fakultät hielt. Dieser Vortrag sollte eine Diskussion anstoßen über die jüngsten Erkenntnisse der Forschung zu SARS-CoV-2 resp. COVID-19 und über die Maßnahmen, die wir – ja, ganz genau: wir und nicht unsere VertreterInnen in Regierung und Opposition – als erforderlich und effizient erachten. Von einer solchen Diskussion unter den StudentInnen und MitarbeiterInnen der Universität habe ich, bitte korrigieren Sie mich, bisher nichts mitbekommen. Stattdessen herrscht Schweigen im Walde.
Prof. Ioannidis von der Stanford University hat zur Corona-Pandemie, die das private und öffentliche Leben seit 21 Monaten prägt, zahlreiche Studien vorgelegt; er ist einer der meist zitierten Wissenschaftler unserer Zeit. Das sollte Grund genug sein für jede und jeden, die sich bietende Gelegenheit nicht einfach verstreichen zu lassen, sondern zu einem regen Austausch, wenn nicht sogar zu einer hitzigen Debatte zu nutzen. Eingefunden hatte sich (meine Wenigkeit inbegriffen) letztlich eine Handvoll StudentInnen sowie eine Handvoll MitarbeiterInnen. Grußworte vom Rektor gab es keine, auch keine Grußworte vom Dekan, stattdessen einen Disclaimer,in dem sich alle von allem distanzieren. Ich wundere mich. Wo waren Sie? Und warum? Health & Mind, so lautet ein Leitmotiv der Universität: „Mit diesem Leitmotiv wird der Begriff Gesundheit weit gefasst. Es geht nicht nur um physisch verstandene, sondern auch um psychische und soziale Gesundheit, um individuelles und gesellschaftliches Wohlergehen. In diesem Sinne ist dies ebenfalls eine transdisziplinäre Aufgabe der Universität.“ In Anbetracht dieses Leitmotivs und der vornehmen Zurückhaltung, mit der die Universität auf den Vortrag von Prof. Ioannidis reagiert hat, in dem all diesen Aspekten breiten Raum gegeben wurde, möchte ich einige Fragen an Sie richten:


1. Wird sich die Universität künftig verstärkt in den wissenschaftlichen und darüber hinaus auch in den öffentlichen Diskurs zu SARS-CoV-2 resp. COVID-19 einbringen bzw. diesen fördern? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, wie?


2. Wird sich die Universität künftig an der kritischen Evaluation der durch die Regierung verordneten Maßnahmen (wie Ausgangsbeschränkungen und FFP2-Maskenpflicht) beteiligen? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, wie?


3. Werden die Studien, die den an der Universität getroffenen „Sicherheitsvorkehrungen“ zugrunde liegen, künftig gegenüber den StudentInnen und MitarbeiterInnen offengelegt? Anders gesagt: Wird die Universität künftig mit Studien aus einschlägigen Fachzeitschriften belegen, welche „Sicherheitsvorkehrungen“ tatsächlich Wirkung zeitigen und welche nicht?


4. Wird die Universität gewährleisten, dass Wissenschaft, Forschung und Lehre auch künftig wertfrei, ergebnisoffen und unabhängig sind und nicht von staatlichen oder wirtschaftlichen Interessen geleitet werden? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, wie?


Für Ihre Antworten dankt herzlichst
Stefanie Schmerbauch

Stefanie Schmerbauch,

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Paris-Lodron-Universität Salzburg

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