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Kriegstreiberei und Sprache

von Ortwin Rosner

„Putins Krieg“, „Putins Opfer“, „Was wir über Putin wissen“, „Ist Russlands Präsident Wladimir Putin wahnsinnig?“, „Machen Steroide den Kreml-Chef aggressiv?“, „Wie verrückt ist Wladimir Putin?“ ... Dies ist nur eine kleine Auswahl aus einem Meer von stets nach demselben Muster gestrickten Phrasen, die seit Ende Februar tagtäglich auf uns eintrommeln und unsere geistige Erlahmung bewirken sollen.

Denn das effektivste Mittel der Propagandasprache ist die simple Wiederholung. Wie am Fließband müssen die immer gleichen Phrasen und Floskeln repetiert werden, um das kritische Denken zu betäuben. Je öfter uns etwas gesagt wird und je häufiger wir es von verschiedenen Seiten zu hören bekommen, desto eher sind wir geneigt, es für wahr zu halten.

Umso wichtiger für die Propaganda ist es, Widerspruch aus dem Diskurs so weit wie möglich zu eliminieren. Und findet einmal eine abweichende Meinung ihren Durchweg, muss sofort auch sie zum Feind gemacht werden. „Putins Pazifisten“ lautete darum nicht zufällig ein kürzlich veröffentlichter Kommentar. Denn wenn es einmal gelungen ist, Putin sprachlich als ein hitlergleiches Monster zu etablieren, dann braucht man jeden beliebigen anderen Gegner nur mehr mit ihm zu assoziieren, um ihn zu diskreditieren.

Die Frage ist nicht einfach bloß, ob das stimmt, was die Propaganda sagt. Die Frage ist, was ihre Art und Weise, von den Dingen zu reden, zu denken verhindert. Die übergroße Konzentration auf die Person Putins etwa sorgt dafür, dass ein komplexer geopolitischer Konflikt globalen Ausmaßes auf eine einzige Person reduziert und die Ursache dafür nur mehr in ihrer angeblich psychopathologischen Veranlagung gesucht wird. Die ganze komplexe Vorgeschichte: kein Thema mehr. Die Provokationen des Westens: kein Thema mehr. Eine friedliche Lösung: auch kein Thema mehr. Denn mit dem schlechthin Bösen und Wahnsinnigen lässt sich nicht verhandeln.

Faktisch handelt es sich um eine Ausschaltung jedes politischen Diskurses im eigentlichen Sinn. Geht es doch schon längst nur mehr darum, ob bestimmte Personen in den Augen westlicher Alphajournalisten gut oder böse sind. Die Leitmedien haben es geschafft, ein Micky-Maus-Weltbild zu installieren. Putin kommt darin die Rolle des Kater Karlo zu oder die Blofelds. Und das soll die Erklärung des Krieges sein. Die völlige Infantilisierung des öffentlichen Diskurses scheint abgeschlossen. Vielleicht ist das aber die notwendige Voraussetzung für einen großen Krieg.

Ortwin Rosner,

geboren 1967 in Wien, Studium der Germanistik und Philosophie, hat seine Diplomarbeit mit dem Titel  „Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewußten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann“ 2006 bei Peter Lang veröffentlicht. Freier Autor.

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