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Zustand im globalen Seminar

von Martina Kaller

Noch nie hat mehr Alkohol meine Hände berührt als meinen Mund. Vermummung war den Bösewichten und Demonstranten vorbehalten. Heute müssen alle Maske tragen. Mir gefällt, dass die überall in der Öffentlichkeit anzutreffende Videoüberwachung niemanden mehr bildlich identifizieren kann. Um Fingerabdrücke zu vermeiden, empfehle ich das konsequente Tragen von Handschuhen – verringert übrigens auch den Alkoholmissbrauch der Hände.

Artig vermummt und mit gewaschenen Händen stelle ich nicht die Maßnahmen angesichts der epidemischen Ausbreitung eines tückischen Virus‘ in Frage, nicht die pandemische Ausbreitung. Aus Gründen der Solidarität befolge ich sie. Solidarität ist eine ethisch begründete Haltung. Vernünftig ist sie nur im Kontext des politischen Willens. Was die Maßnahmen betrifft, bin ich trotz des globalen Seminarbetriebs zu Immunologie und Virologie nicht klüger als zuvor. Die ad-hoc-Rettung des Gesundheitssystems, nicht der Kranken, gibt mir zu denken. 

Das Gesundheitssystem retten?

Vor fünfzig Jahren konnte der Historiker und Philosoph Ivan Illich behaupten, dass das Medizinsystem die größte Bedrohung für die Gesundheit von Menschen darstellt.[1] Seit Ausbruch der COVID-Epidemie sind wir angehalten, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, also vor uns selbst zu schützen. Bis ins dritte Viertel des 20. Jahrhunderts stand noch das Heilen von manifesten Krankheiten im Mittelpunt. Seit dem letzten Viertel konzentriert sich der Medizinbetrieb auf das ‚Einstellen‘ der Gesunden, argumentiert Barbara Duden. Spital, Pharmazeutik und Krankenkassen bilden das Gesundheitssystem im Dienst des Strebens nach Gesundheit. Theatralisch ausgedrückt, werden Menschen nicht mehr behandelt, sondern wird Leben gerettet. Aus Krankenkassen wurden Gesundheitskassen.

In Krankenhäusern werden COVID-Kranke heute von jenen isoliert, die sich um sie kümmern wollen, weil die Angst vor der Krankheit und ihrer möglichen Ausbreitung jede Alternative in den Schatten stellt. Hätten mehr Menschen zu Hause gepflegt werden können? Die Antwort lautet wahrscheinlich ja, wenn das Gesundheitssystem sich in den Dienst der Interessen seiner Nutzer*innen stellte. Stattdessen schlossen Arztpraxen ihre Türen, Termine für andere Erkrankungen wurden abgesagt, und die Krankenhäuser zogen ihre Zugbrücken hoch. Das Gesundheitssystem schützt sich.

Mit dem unglaublichen Geld, das für die Rettung der kapitalistischen Weltwirtschaft verteilt wurde, ließen sich locker sämtliche Gesundheitssysteme der Welt finanzieren. Hätte die WHO einen anderen Weg in ihrem Kampf gegen COVID eingeschlagen, wäre plötzlich das vorher Unmögliche möglich geworden. Eine exzellente Versorgung von Kranken in der ganzen Welt hätte finanziert werden können. Wiewohl wäre vermutlich nicht überall ein Gesundheitssystem eingerichtet worden, jedenfalls aber Einrichtungen, in denen sich das Personal individuell um die Genesung Erkrankter hätte annehmen können.

In den Medien erleben wir ein großangelegtes immunologisches Seminar, in dem uns Experten erklären, das der Mitmensch ein Virenträger sein könnte. Sie prägen auch neue Begriffe, zum Beispiel den symptomfreien spreader, mittlerweile auch den superspreader. Umgangssprachlich nennt man so jemanden einen Virenschleuderer. Eine unangenehme Vorstellung gewiss, doch eine Bedrohung an Leib und Leben? Peter Sloterdijk spann den Gedanken weiter, dass selbst dem Liebespartner zu allen bestehenden Möglichkeiten, einen unglücklich zu machen, eine Möglichkeit hinzugefügt wurde. Es könnte sich ja um einen symptomfreien super/spreader handeln. Social distancing und die Nachverfolgung von Kontakten, contact tracing, sind Gebot der Stunde und natürlich Hände desinfizieren.

In Amerika hat sich im Namen von Präventionsmaßnahmen das Reden von toxic persons eingeschlichen. In Österreich sprach der Innenminister von Lebensgefährdern; je beweglicher desto gefährlicher für die immunologische Risikogemeinschaft. Mit der hysterischen Ausrufung einer Pandemie durch die Weltgesundheitsorganisation nahm der Schrecken vom kollektiven Sterben globale Ausmaße aus. Malaria, an der weltweit zu allen Zeiten die meisten Menschen starben und sterben, verdient eine solche Bezeichnung nicht. Denn es geht bei Corona um eine Krankheit des weißen Mannes. Nichts Geringeres als die sich rasant beschleunigende, globale Ungleichheit im Kapitalismus und seiner Glaubenssätze muss um jeden Preis überleben. Schon Hobbes sprach vom Menschen als dem Wolf des anderen. Die Konkurrenz um Kapital, Güter und Dienstleistungen deklariert den Mitmenschen zum Raubtier, den zu berühren oder nur zu treffen, das Leben bedroht. Ohne soziale Kontakte sollen wir überleben. Das Herdentier Mensch muss sich von seiner Herde fernhalten, um den unerhört kostspieligen, angeblich alternativlosen, pharmazeutischen Maßnahmen zur Ausbildung einer kollektiven Immunisierung den Weg frei zu machen. Der gefährlichste Ort für Frauen und Kinder, die Familie, wird im vermeinten trauten Heim eingesperrt und sich selbst überlassen. Demonstrant*innen gegen den totalen Lockdown - zu Deutsch: Abriegelung, Sperrung, Ausschaltung - droht die Verriegelung hinter Gefängnisgittern.

Den Begriff Ausgangssperre verordneten bislang putschende Militärs, vorzugweise in den sogenannten Schurkenstaaten des globalen Südens. Heute gelten Menschen, die sich nachts in Gruppe in der Öffentlichkeit aufhalten als Schurken. Im besten Fall handelt es sich um drakonisch zu bestrafende Spielverderber*innen im Krieg gegen den Feind, das Virus. Eine in die Irre führende Kriegsrhetorik verurteilt zur Demobilisierung statt zur Mobilisierung gegen den Feind. Der amerikanische Schriftsteller Carl Sandburg hinterließ den Aphorismus: "Sometime they'll give a war and nobody will come“, zu Deutsch von Berthold Brecht: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.” Damit war kein Ort gemeint sondern eine Haltung. Heute gilt es, die Öffentlichkeit zu meiden: rechtes Verhalten der Rettung des Gesundheitssystems wegen. Missachtungen der Maßnahmen ziehen die Kriminalisierung und Ächtung von Spaziergänger*innen nach sich. Das Gesundheitssystem müssen wir vor jeglicher Ausdruckform des wilden Außens schützen.

Machttum besiegt Faktum. Ob einer stirbt oder lebt gilt nicht länger als Schicksal. Der Macht des Gesundheitssystems und dessen Erhaltung soll der Souverän –das sind die Staatsbürger*innen im Wahlalter-- Gewissheit und Vernunft opfern. Mündigkeit, das zentrale Anliegen von Immanuel Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ in weltbürgerlicher Absicht, beschränkt sich heute auf das strikte Befolgen von autokratischen Maßnahmen. Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, dessen Namen ich nicht ausspreche, umschiffte die Verantwortung für die Verschärfung der epidemischen Krise wegen Nichts-Tun und meinte: „Nein, ich übernehme keine Verantwortung.“ Damit setzte er seine Mündigkeit Schach Matt. Victor Orbán und Vladimir Putin gehen eigene Wege. Sie übernehmen Verantwortung, jedoch widersetzen sich dem von WHO und Industrie verordneten Pandemie-Kriegsgeschehen. Autokraten, werden diese Politiker genannt. Masha Gessen schreibt klug über die kings of reality. Wie und wo Realität im Angesicht der Pandemie erzeugt wird, lässt sich nicht mehr sagen.

Die neue Normalität wirft ihre Schatten voraus. Eine Rückkehr zu den bürgerlichen Freiheitsrechten, Liberalität im aufklärerischen Sinne, steht in den Sternen. Hingegen siegt Liberalität in seiner ökonomischen Form. Den Kampf gegen die Pandemie übernehmen die Pharmakonzerne unter unbeschreiblich hohen Kosten, welche den Steuerzahler*innen ungefragt zugemutet werden. Um den Impfstoff geht es, nicht die mündige (Welt-) Bürgerschaft. Auf diese Weise werden wir Autokratien nicht überleben. Im Gegenteil, die totalitäre Forderung, dass das Gesundheitssystem gerettet werden muss, beflügelt sie. Sie geben das Curriculum des globalen medialen Seminars vor sowie Inhalte, Sprachgebrauch und Ziele.


[1] Ivan Illich (1975). Medical Nemesis. The Expropriation of Health. New York. Marion Boyar: http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.728.9128&rep=rep1&type=pdf

Martina Kaller,

geboren 1963 in Bad Aussee/Steiermark, Studium der Geschichte und Philosophie in Wien, Berlin und Mexiko-Stadt, lehrt an der Universität Wien. Von ihr erschien u.a.Macht über Mägen. Essen machen statt Knappheit verwalten. Haushalten in einem südmexikanischen Dorf“ (Promedia Verlag).

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