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Die Zumutung des Schürhakens

von Marlen Schachinger

Nein, kein Virus ist Grund für Angst. Aber die Zumutung des Schürhakens sehr wohl! Wie mit ihm die Angst gemehrt wird, um dem Ziel der politischen Ermächtigung Tag für Tag ein Stück näher zu rücken. Es macht mich wütend, wenn davon ausgegangen wird, dass wir zu blöd sind, um zu realisieren, was geschieht: Wie mit gewichtigen Worten, in Zuckerbrot und Peitsche, verkündet wird, was wir zu schlucken haben, allesamt unmündige ›Kinder‹, weil eine neue Normalität Einzug zu halten habe / bald schon jede und jeder im Land jemanden kenne, der [oder die] / weshalb ›besorgt‹, am Freitag angekündigt, dass am Samstag sickern werde, was ab Montag zu herrschen habe … Es ist eine Zumutung, uns mit ihrem Chaos beschäftigt zu halten, damit im Nebenher dies und das durchgewunken werde. Und nebenher erklärt ihr kleines politisches Einmaleins, wer und was für ›ihre Gesellschaft in neuer Normalität‹ von Nöten ist: zwei Klassen in Medizin und Bildung; female Krisenmanagement im Spagat; und Kunst brauche keiner. Künstler*innen? Vermissen eh nur ein paar ›Kulturverliebte‹. Lockdown 1, 2, 3. Oder sind wir schon bei 4, 5? Ich verweigere diese ihre ›neue Normalität‹. Sie ist nicht normal, soll auch nie normal werden! Für niemanden. Schon gar nicht, wenn im Nebenher gegenwärtig (oder ein für alle Mal?) Artikel um Artikel der »Charta der Grundrechte der Europäischen Union« mit Füßen getreten wird: keine Freiheit der Kunst und Wissenschaft, kein Recht, unter würdigen Bedingungen zu arbeiten oder auf Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben. Wenn das ›die neue Normalität‹ ist, welche ›neuere Normalität‹ wird danach folgen? Covid & Co machen mir keine Angst, aber mich ängstigt solch eine zündelnde Politik, die den Ausnahmezustand ›neue Normalität‹ nennt, Affinität zu Kunst und Kultur zur ›Verliebtheit‹ erklärt und ein Verhalten aus dem Neolithikum der Gesellschaft nährt, mir graut vor ihrem ›Danach‹, in dem ich nicht leben will.

Marlen Schachinger,

geboren 1970 in Oberösterreich, lebt als freischaffende Literatin in Wien und Niederösterreich. Zuletzt sind von ihr erschienen: „Kosovarische Korrekturen“ (als Autorin) und „Fragmente. Die Zeit danach“ (als Herausgeberin), beides im Promedia Verlag.

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