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Closed University

von Jesper Larsson Träff

Um in der derzeit populären, martialischen Sprechart zu bleiben, haben Universitäten in Europa sich wohl gerne als Festungen der Aufklärung verstanden, als Bollwerke gegen religiösen Aberglauben, Obskurantismus, Quacksalberei, Irrationalismus, politische Marodeure, Marktschreier, Massenhysterie und -psychose, dämonische Figuren; haben immer standhaft auf ihre vollkommene Immunität gegen allerlei nicht-wissenschaftliche und wirtschaftliche Einflussnahme bestanden; einzig und alleine der reinen Lehre, des klaren Verstandes, der sorgfältigen Prüfung, der Ausgewogenheit und der klare Rede verpflichtet.

So (unlängst) nicht mehr: Unsere Universitäten in Österreich sind buchstäblich Festungen geworden, deren vorwichtigste Aufgabe, das Fernhalten der eigenen Mitarbeiter, Studierenden, und, besonders gravierend, der allgemein interessierten Öffentlichkeit geworden ist. Buchstäblich. Und sieht darin ihren gesellschaftlichen Auftrag. So verwehrt meine Technische Universität seit 18. September 2021 jedem, der nicht einen bestimmten, vermeintlich gesundheitsbestätigenden Nachweis vorlegen kann, den Zutritt, sei das zu den eigenen Büros (die Elfenbeintürme, wo man sich ja gerne und meistens alleine aufhält und von dort aus höchstens geistig ansteckend sein könnte...), zu Laboren, zu Hörsälen, zu Werkstätten und Maschinenräumen, zu Studierplätzen und zu der Bibliothek, und dies mit physischem Nachdruck: Eine nicht geringe Anzahl von zusätzlichem Sicherheitspersonal (nicht das universitätseigene: von wo und wer bezahlt?) in gelben Westen, alle persönlich freundliche, unbefangene und in der Situation unbedarfte Menschen, sind dazugekommen um diese Kontrollfunktionen zu übernehmen. Alle Eingänge zu allen Gebäuden sind somit bewacht, und bei denen, wo anscheinend eine Bewachung doch zu umständlich ist, sind Schlösser ausgetauscht worden. Die Zutrittskontrolle ist durchaus ernst gemeint und effektiv – ohne Nachweis kein Zutritt, oder gar die physische Entfernung. Die Öffentlichkeit kann sich hiervon selber überzeugen.

Ein vernünftiger Mensch würde jetzt einwenden, dass solche drakonischen Einschränkungen in das Recht auf freie Bildung, in das Recht auf freie Entfaltung in der Arbeit, in die Freiheit von Zwang hinsichtlich medizinischer Behandlungen und Untersuchungen, in das Prinzip, dass Universitäten offene und freie Institutionen sind, bestimmt sorgfältig, ausgewogen und stichhaltig in reale Tatsachen begründet sind, oder dass mindestens einen nachweisbaren nützlichen Beitrag für die Allgemeinheit damit zu erwarten ist. Mitnichten. Als Begründung der letzten, neuerlichen Verschärfungen – und weitere werden wohl folgen – wurde lediglich summarisch eine starke Virusaktivität in Österreich angeführt, was für den epidemiologischen Laien so viel heißt wie: „die Zahlen steigen“. Unbeirrt wird mit Nachdruck und Begeisterung auf die Universallösung gedrängt, obwohl im universitären Bereich die Behandlungsquote angeblich schon überdurchschnittlich ist.

Die vollständige Infantilisierung hat also auch im akademischen Bereich Einzug gehalten, und die Beharrlichkeit, mit der kritiklos auf Maßnahmen bestanden wird, die nicht in unserem Sinne sein können, bestärkt den Eindruck, als seien die Universitäten unlängst zu bloßen Teilen der Exekutive verkommen. Was sie wohl auch sind, insofern die österreichischen Universitäten seit langem budgetär vollkommen abhängig vom guten Willen der aktuellen Tagespolitik geworden ist. Als erwünschte, unmittelbare Rückzahlung wird Politik und Öffentlichkeit mit preisgünstiger Simulations- statt Realwissenschaft bedient und als Kick-back-Universitäten selber dafür preisgekrönt, konkret Hochrechnungen von mittlerer handwerklicher Qualität, die weder falsch noch wahr, sondern beliebig und daher von jedem möglichen Erkenntnisgewinn desinfiziert. Als Ressource-sparende Zukunftsvision wird freiwillig und mit sehendem Auge der Opfergang zum Altar der Digitalisierung angetreten. Seit März 2020 sind wir ein gutes Stück vorangekommen.

Jesper Larsson Träff,

geboren 1961 in Kopenhagen, ist Professor für Informatik (paralleles Rechnen) an der Technischen Universität Wien.

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