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„Die Stärke des Volkes bemisst sich am Wohl der Schwachen“

von Elisabeth Mayerweck

Eine spannende Aussage, da es doch vielmehr den Anschein macht, sie bemäße sich an sich ständig verändernden, sich je näher man der Sache kommt ins Unendliche hinausschiebenden, willkürlich festgelegten, unerreichbaren Fantasiezielen. Ebenso wie „Flatten the curve“, die „Zero-Covid“-Strategie oder die absolut nachvollziehbar klingende Forderung „die Zahlen(!)“ auf unter 50 pro Tag zu bringen, was für mich genauso einleuchtend ist, wie die Forderung, dass ab jetzt nur mehr an ungeraden Tagen gestorben werden darf.

Das psychische und physische Wohl unserer lieben Kinder hingegen ist nicht wirklich auf dem Plan. Von oben wird diktiert, die Oma nicht zu besuchen und Freunde nicht mehr zu berühren, wenn man sie denn lieb hat, womit der eigentlich der Liebe entspringende Wunsch, sie zu besuchen und zu berühren, ins komplette Gegenteil pervertiert wird. Eine perfide Umprogrammierung des zwischenmenschlichen Ausdruckes von Zuneigung und Liebe. Eine Form des psychischen Missbrauchs.

Wenn Kinder medial Beachtung fanden, dann häufig als Superspreader, also quasi als eine Biowaffe und man hat sich in vielen Mainstream-Medien nicht entblödet, lautstark darüber nachzudenken, wie gefährlich unsere kleinen Schützlinge denn für „uns“ seien und wie man sich am besten vor ihnen schützt. Ganz großartige Auswüchse bekommt diese Gesundheitsneurose dort, wo Erwachsene zehn Meter vor einem Kind wie der Elefant vor der Maus stehen bleiben und in Schockstarre ausharren, bis das kleine arglose Wesen endlich den Weg passiert hat und man gefahrlos weiterziehen kann. Dass Kinder nicht mitbekommen würden, wie man über sie spricht und wie man ihnen begegnet, wird sich zur Beruhigung des sich notwendigerweise auftretenden schlechten Gewissens gern selbst eingeredet, auch wenn Psychologen und Eltern längst wissen, dass das Gegenteil der Fall ist. Gerade Kinder erfahren ihre Welt sehr stark über Stimmungen und nehmen die Gefühle ihrer Mitmenschen stark wahr.

Es sind also wenig überraschende und genauso wenig schöne Schlagzeilen, die man neuerdings in den Zeitungen liest. Sämtliche psychischen Erkrankungen haben dramatisch zugenommen, die Anzahl der häuslichen Gewalttaten auch gegenüber Kindern ist seit dem ersten Lockdown stark gestiegen. Die Stimmung zu Hause ist erdrückend, gerade in den unteren sozialen Schichten. Und die Lebenszufriedenheit unserer Schutzbefohlenen, wie treffend dieses Wort doch ist, hat sich laut Selbsteinschätzung massiv verschlechtert, wie eine Studie der Uniklinik Hamburg ergab. Während das Allgemeine Krankenhaus Wien vermeldet, dass die Kinderpsychiatrien überlaufen und Ärzte aus Kapazitätsmangel entscheiden müssen, wen sie überhaupt noch behandeln können, zudem seien Kinder mittlerweile suizidal wegen der sozialen Isolation. Für Psychologen nicht gerade verwunderlich und mit Verlaub für jeden Menschen, der noch so etwas wie Herz und Verstand besitzt, ebenso wenig.

Wieso will man vorgeblich die Gesundheit einer Risikogruppe schützen, um den Preis der Gesundheit einer genau damit zur zweiten Risikogruppe degradierten Gruppe, unserer wehrlosen Kinder? Oder habe ich da die Antwort etwa schon hineingefragt? Bemerkenswerterweise sind genau die Kinder weder aus ihrer biologischen Gegebenheit heraus oder jener des Virus von eben diesem gesundheitlich betroffen, sie wurden somit einfach willkürlich zum Opfer auserkoren und gemacht. Es müsse nun einmal jeder Opfer bringen für die Gemeinschaft, gehört zu den häufigsten Antworten und für mich zu jenen Dingen, die man Soldaten eintrichtert, sicherlich nicht Kindern.

Wir sind zu einer Gesellschaft degeneriert, die ihren Jüngsten aus lauter unreflektierter Virusangst ungehemmt erklärt, dass alle Dinge, die wir gut nennen, die sich gut anfühlen und erwiesenermaßen wichtig für ein gesundes Heranwachsen und seelisches Gleichgewicht waren, plötzlich schlecht seien. Miteinander spielen, toben, singen, lachen, turnen, tiefes freies Atmen, Umarmungen, Grimassen schneiden – kurzum annähernd jeder natürliche, menschliche Impuls wird ins Schlechte pervertiert und bei Strafe verboten. Kindern, die sich über den Körperkontakt zu anderen Kindern seelisch nähren wollen, wird eingetrichtert, sie seien egoistische, potenzielle Mörder. So lautet nun mal die implizite (leider teilweise auch explizite) unbeschönigte Botschaft dieser Maßnahmen.

Soziale Distanzierung ist gefragt. Ein Wort, das so kalt klingt, wie es ist. Bedeutete früher soziale Distanz jemandem mit äußerster Reserviertheit zu begegnen, fremdartig, unsympathisch bis hin zu feindselig wahrgenommen zu werden und nicht offen auf sein Gegenüber zuzugehen, ist es heute das, was Kindern und Jugendlichen beigebracht wird. Dies ist umso bedauerlicher, wenn man bedenkt, dass das, was Menschen als am Wichtigsten für ihre Lebenszufriedenheit angeben, Sozialkontakte sind, noch vor Gesundheit und finanziellem Wohlstand. Soziale Schwierigkeiten wirken sich leider auf jeden Lebensbereich aus. Die soziale Kompetenz entscheidet, wie gut wir später im Vorstellungsgespräch ankommen, wie wir im Kollegenteam angenommen werden, wie groß unser Freundeskreis einmal sein wird, wie wir später einmal zu unseren Kindern sein werden, wie wir uns in der Partnerschaft verhalten und wie erfüllt diese ist und vieles mehr. Soziale Kontakte sind für die Seele das, was die Luft zum Atmen für unseren Körper ist. Beides wird uns mehr und mehr genommen. Versäumnisse in der Sozialisierung können teilweise nur sehr schwer nachgeholt werden. Diese findet in der Kindheit statt, in der viele Strukturen angelegt werden, weshalb sie eine besonders vulnerable Phase des Lebens ist.

„Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will. “ (Heimito von Doderer)

Auch die unsägliche Debatte über Verhältnismäßigkeit ist nur mehr schwer zu ertragen. Ungeachtet dessen, dass sich sämtliche Maßnahmen als unwirksam und ungeeignet erwiesen haben (die Fakten liegen längst auf dem Tisch), möchte ich gern Folgendes wissen:

Was ist denn die passende Maßgabe dafür, um Kindern, wie nannte man sie doch – Schutzbefohlene – ungeprüfte Masken auch gegen ihren Willen aufzuzwingen? Wann ist Nötigung und Erpressung denn in Ordnung? Wie viele Spitalsbetten müssen voll sein, um Kindern das Recht auf eine anständige Sozialisierung und Bildung zu verwehren? Wie schlimm muss eine Erkrankung sein, um Kinder im Glauben aufwachsen zu lassen, dass Berührungen etwas Tödliches seien?

Ich habe eine Antwort darauf. Es gibt schlichtweg nichts, das dies rechtfertigt. Der Mensch darf immer nur der Zweck und nicht das Mittel sein.

Elisabeth Mayerweck,

Jahrgang 1984. Klinische Psychologin und Mutter.

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