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Auf den Hund gekommen

von Edith Binderhofer

Vor Kurzem telefonierte ich mit einer Schweizer Freundin, die lange in N. Y. gelebt hat, dort noch eine Wohnung besitzt, und die vor einigen Jahren in die Schweiz zurückkehrte. Als das Thema Impfen aktuell wurde, vermuteten ihre Schweizer Freund/innen, dass sie, ohne geimpft zu sein, wohl nicht in die USA reisen könnte. Sie meint, es war ihr von Anfang an instinktiv klar, dass das nicht passieren würde - dazu sei der Freiheitsimpuls der Amerikaner/innen viel zu stark. Und sie hatte Recht: Trotz massiver Werbung für die Impfung schließt die Biden-Administration einen Impfpass mit der damit verbundenen Diskriminierung Nichtgeimpfter eindeutig aus.

Eine Freundin, die in England lebt, erzählte mir Ähnliches: Auch dort gibt es ein stark ausgeprägtes Empfinden für die Grund- und Freiheitsrechte der Menschen. So wie ich es wahrnehme, ist dieses z. B. auch in den skandinavischen Ländern, den Beneluxstaaten oder in der Schweiz wesentlich lebendiger als in Deutschland und Österreich.

Aber selbst in Deutschland werden Menschen, die nicht zu den sogenannten 3G’s gehören, weniger schikaniert als in Österreich: Am vorigen Wochenende konnte ich in Bayern in Lokalen Platz nehmen, und auch der Zugang zu einem Strandbad wurde mir nicht verwehrt. Nach den Restriktionen in Wien war das wie ein großes Aufatmen.

Stadtrat Peter Hacker, der Ende Februar 2021 zu Beginn der Debatte über den sogenannten „Grünen Pass“ als einziger Politiker – abgesehen von VertreterInnen der FPÖ – eine „tiefgreifende Diskussion“ über Einschränkungen für Nichtgeimpfte forderte und dies als „Tabubruch“ bezeichnete, hat seinen Kurs mittlerweile um 180 Grad geändert. Gemeinsam mit Bürgermeister Ludwig ist er stolz darauf, dass Wien die erste Stadt ist, die Schwangere impft, und ruft zur Impfung von Kindern und Jugendlichen auf.

Immer wieder frage ich mich – und zwar schon lange vor der Coronasituation und dem Umgang damit: Wieso gibt es in diesem Land die fatale Tendenz, sich einem autoritären Kurs so besonders willfährig unterzuordnen?

Mir fällt dazu folgende Passage aus „Guten Morgen, du Schöne. Frauen in der DDR. Protokolle“ von Maxie Wander (erschienen 1978) ein: „Man geht natürlich zu den Parteiversammlungen und läßt keine falsche Diskussion aufkommen, so wie ihre Eltern früher in die Kirche gegangen sind und keine Fragen über Gott zuließen. Wenn du ein bißchen an der roten Farbe kratzt, kommt der ganze alte Mist hervor, eine Tapete nach der anderen, zurück bis zu Kaisers Zeiten.“

So ähnlich ist es bei uns: Wenn wir ein bisschen kratzen, kommen die autoritären Strukturen hervor, zurück bis zur einst allumfassenden Macht der Katholischen Kirche und der Habsburgermonarchie. Darauf kann jederzeit wieder höchst erfolgreich aufgebaut werden.

Die absolute Diskussionslosigkeit, mit der die Grundrechte seit März 2020 sukzessive demontiert werden, sind ein beredtes Beispiel dafür aus der jüngsten Vergangenheit bzw. Gegenwart.

Die einzige Partei, die Bedenken anmeldet, ist die FPÖ – selbst zutiefst in autoritären Strukturen verfangen.

So sehr sind wir auf den Hund gekommen.

Edith Binderhofer,

eboren 1963 in Wien; Studium von Germanistik und Geschichte, tätig u.a. in den Bereichen Kulturvermittlung und als Autorin.

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