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Wenigstens etwas!

von Diether Dehm

Was denen oben nutzt, sickert meistens zu lahm, verzerrt und brüchig denen unten ins Bewusstsein. Aber: wenigstens etwas.

Ich esse frisches Zwiebelmett in meiner Skatkneipe, während gerade die Tagesschau den russischen Erfolg gegen die Nazis und geheimgehaltene NATO-Offizier*innen in den Labyrinthen von Mariopol zu verschwurbeln sucht.

Mein Metzger-Wirt räuspert sich ernst: „Na und, Diether, du bist doch in der Politik. Wer soll denn jetzt gewinnen?“ Ich blase die Backen auf - um Zeit zu gewinnen und nicht sofort geteert und gefedert vor die Tür zu fliegen. Da kommt mir zum Glück der Maurer Günter zuvor: „Ich werd‘ das dumpfe Gefühl nicht los, dass das alles wieder mal für den Ami läuft!“ (Der 27. April, an dem Günter dies soeben geäußert hat, hat damit durchaus das Zeug zum historischen Datum. Denn seit Wochen saß Günter immer nur still dabei, klimperte brav seine 1,50 € in die kreisende blaugelbe Spendendose. Die auch seit kurzem vom Tresen verschwunden ist).

Also nehme ich einen tiefen Schluck Kellerbier und wag’s: „Meinen Vorfahren jedenfalls - den biologischen und den politischen - ging es immer dann am besten, wenn die russischen Streitkräfte gesiegt haben.“  Luft anhalten. In die Schockstarre knoddert deckung-gebend die Frage von Mark, einem lesenden Forstarbeiter: „Wer dadran jetzt wohl wieder verdient?!“

Darauf mein Kfz-Meister Thomas: „Wollen wir nur hoffen, dass der Krieg bald vorbei ist. So oder so“. Ich atme tief durch. Der Argwohn der Unteren ist zwar eine Schildkröte. Aber mich faszinieren diese Viecher allmählich.

Diether Dehm,

geboren 1950 in Frankfurt/Main. Studium der Heilpädagogik. Lieder- und Theatermacher. Langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestages.

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