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Die Spielregeln ändern

von Andrea Komlosy

Corona-Lockdowns verdammen uns zu Isolation, Abstand und Kontaktreduktion. Welch ein Segen, dass wir die Distanz mit Smartphone, Online-Shopping und allerlei Kommunikations-Tools überwinden können. Mit Tests, die uns ein paar Stunden Virusfreiheit bescheinigen, und Apps, mit denen wir diese beim Frisör oder am Schilift nachweisen können, steigen wir in die “neue Normalität” ein. Im Lockdown haben selbst notorische Internetmuffel im Home Office, im Home Schooling und im Kontakt mit FreundInnen und Verwandten Runter- und Hochladen, Selbstdarstellung und Avatar-Rollen, Chatroom, Streaming oder Sprachassistenz eingeübt. Wer seine vier Wände den neugierigen Blicken der Community nicht preisgeben will, lädt sich den passenden Hintergrund runter, vor dem gelernt, geflirtet, meditiert oder telemedizinisch ordiniert wird. Wenn wir das Internet nicht hätten, es müsste erfunden werden, heißt es dankbar. Alle Zweifel über das Leben aus digitaler Hand sind beseitigt – angeblich.

Drehen wir die Perspektive doch einmal um. Nicht wir, sondern die Internet-Giganten gehen gestärkt aus der Pandemie hervor. Sie wiesen 2020 astronomische Wachstumsraten auf, ihre Eigentümer wechseln sich an der Spitze der Millionär-Rankings ab. Allein die sieben größten US-amerikanischen Tech-Unternehmen Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Facebook, Tesla und Nvidia steigerten ihren Börsenwert im Jahr 2020 um 3,4 Billionen Dollar, gab der „Consumer News and Business Channel“ CNBC bekannt. Für sie ist Corona keine Krise, sondern eine milliardenschwere Gelegenheit. Wir üben und klicken und liefern die Daten, die die Werbekunden brauchen, um uns neue Produkte, Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu verkaufen, die wiederum neue Klicks und Datentransfers bewirken. Der Wachstumszwang dringt dabei immer weiter in unser alltägliches Verhalten ein. Wir lassen uns verwöhnen und optimieren und liefern dabei die Rohstoffe für die Plattformökonomie und den Überwachungskapitalismus – und danken den IT-Konzernen, dass sie uns in der digitalen Welt mitspielen lassen.

Dafür sollen wir uns digital fit machen, heißt es von allen Seiten. Sollten wir nicht endlich die Spielregeln ändern?

Andrea Komlosy,

geboren 1957 in Wien, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft. Sie lehrt am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Zuletzt sind von ihr erschienen „Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert.“ Und „Grenzen. Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf“ (beide im Promedia Verlag).

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